Totale Sonnenfinsternis im Flug an den Pol

 

Kurzbericht Finsternis-Polarflug vom 1.8.2008

 

Internationaler Flughafen Düsseldorf, morgens um 3.30 Uhr des 1.8.2008: die Finsternisjäger, Wissenschaftler und Gäste erscheinen zum Check-in. Eigentlich hätte man bis 4.45 Uhr Zeit sich seine Boarding Card zu holen, doch eine stattliche Anzahl ist schon voller Vorfreude bereit. Bei der Ankunft am Schalter wird man bereits gefilmt. Denn es sind auch zwei Fernsehteams mit von der Partie, ein Team vom ZDF und eines von RTL.

Nach der Sicherheitskontrolle beginnt das Warten auf das Boarding. Auf dem Bildschirm erscheint die nicht alltägliche Anzeige “LT1111  North Pole“. Dr. Glenn Schneider von der University of Arizona und NASA-Mitarbeiter, federführend für die Kalkulation dieses Fluges, entdeckt eine unbenutzte Steckdose und probiert sogleich seinen Laptop aus. Es funktioniert und er holt sich die neuesten Daten und Bilder vom SOHO-Satelliten. Es zeigt sich jetzt schon, dass es eine Minimums-Korona geben wird. Während der Totalität wird Dr. Schneider dann sein wissenschaftliches Programm laufen lassen, welches die Plasmadichte in der Korona untersuchen soll.

 

Foto1:  Bildschirmanzeige unseres Fluges im Flughafen Düsseldorf
 

Um 6.12 Uhr hebt das Flugzeug ab. Unser Transportmittel ist ein Airbus 330, mit 147 Passagieren an Bord. Schätzungsweise die Hälfte dürfte aus den USA kommen, der andere Teil stammt aus Europa. Es herrscht eine gute und ausgelassene Stimmung an Bord; es wird diskutiert und gefachsimpelt, Informationen und Bilder werden ausgetauscht. Es ist eine spezielle Stimmung wie man sie auf einem normalen Ferien- oder Geschäftsflug nicht erlebt. Während dem Ueberfliegen von Dänemark und Norwegen wird das Frühstück serviert. Es gibt auch den ersten Kurzvortrag in englisch und deutsch von ESA-Mitarbeiter Alexander Soucek.

Man darf nicht zu früh oder zu spät in die Finsterniszone fliegen, sonst verpasst man die Totalität. Als wir Spitzbergen im Svalbard-Archipel erreichen, haben wir Zeit die Insel zu überfliegen um dann rechtzeitig den sogenannten Totality Run (der Flug in der Finsterniszone, hier ein rund 220 km breiter Pfad im Mondschatten) zu starten. Der Pilot sinkt von 11000 m auf 2400 m Flughöhe und drosselt die Geschwindigkeit von 850 km/h auf 350 km/h. Da gutes Wetter vorliegt, können wir die Insel Spitzbergen bei zwei grossen Schlaufen bestens bestaunen und fotografieren. Nach der zweiten Schlaufe heisst es dann wieder aufsteigen, Geschwindigkeit erhöhen und definitiv Kurs auf den Totality Run nehmen.

Foto 2:  Überflug von Spitzbergen auf 2400 m Flughöhe

 

Nun beginnt die partielle Phase. Da das Flugzeug mit einer Geschwindigkeit  von ca. 850 km/h fliegt, läuft diese Phase schneller ab als bei einer bodengebundenen SoFi-Beobachtung. Die Farben und die Intensität des Lichts verändern sich dementsprechend und so naht auch bald der Mondschatten. Der Vorteil eines Finsternisfluges ist, dass man nicht zittern und bangen muss ob wohl das Wetter stimmt. Da man normalerweise über den Wolken fliegt, besitzt man nahezu 100% Wahrscheinlichkeit die totale Phase zu sehen. Insbesondere über der Arktis , wo es keine hoch reichenden Gewitterwolken gibt. Da man drei Viertel der Erdatmosphäre unter sich hat, erscheint der Himmel über dem Flugzeug recht dunkel; die Durchsicht ist sehr gut. Andrerseits kann man die Umwelt weniger gut beobachten und keine Temperaturmessungen durchführen.

 Foto 3:  Der Mondschatten naht von links kommend.

 

Bei der Position 82°35’Nord / 18°42’Ost startet für uns kurz vor 11.40 Uhr MESZ die Totalität. Bilderbuchmässig mit einer Minimums-Korona; Merkur und Venus sind vom kleinen Flugzeugfenster aus gut erkennbar. Die Sonne steht 27° über dem wahren Horizont, d.h. man kann ziemlich direkt aus dem Flugzeugfenster schauen. Vor und nach der Totalität konnten wir je einen perfekten Diamantring bestaunen. Die total verfinsterte Sonne ist immer wieder etwas ganz Besonderes; jeder der selbst eine totale Sonnenfinsternis erlebt hat, kann sich das sicherlich vorstellen. Obwohl das meine siebte zentrale und fünfte totale Sonnenfinsternis war, verlief auch diese Finsternis anders und die Eindrücke waren auch unterschiedlich zu den vorangegangenen. Beim Herumschauen erfasste man, dass das für Finsternisneulinge ein recht emotionaler Moment war. Da wir mit dem 4300 km/h schnellen Mondschatten ein Stück weit in Richtung Franz-Josef-Land mitfliegen, kommen wir auf eine Totalitätsdauer von 2 Minuten und 56 Sekunden. Das ist etwa eine halbe Minute länger als beim Totalitätsmaximum am Boden, welches mit 2 Minuten 27 Sekunden vom Schatten bei Ankunft des sibirischen Festlandes in der Nähe der russischen Stadt Nadym erreicht wurde.

 Packeis des Nordpolarmeers ohne ...

 

... und während der Sonnenfinsternis

 

Protuberanzen (Foto W.P. Hartmann)

 

Minimums-Korona (Foto W.P. Hartmann)

 

 

Es folgt wieder eine partielle Phase. Der Kurs heisst jetzt für die nächsten ca. 800 km ’geografischer Nordpol’. Die Mittagsverpflegung und der Nordpol-Champagner werden verteilt. Währenddessen hält Herr A. Soucek von der ESA seinen zweiten Kurzvortrag in englisch und deutsch. Beim Flug durch die Arktis erwähnt er in seinem Vortrag, dass wir die Gegend gut anschauen sollen, denn in ein paar Jahrzehnten könnte das alles ganz anders aussehen. Es ist recht lange wolkenfrei und wir können das Nordpolarmeer gut bestaunen. Die ersten Wolken kommen und bilden eine Decke. Doch kurz vor dem Nordpol drosselt der Pilot wieder die Geschwindigkeit und sinkt von 11000 m auf 2000 m Flughöhe. Nun sind wir unter der Wolkendecke und habe freie Sicht auf die Polgegend. Um 12.52 Uhr MESZ folgt der GPS-Countdown aus dem Cockpit: fünf, vier, drei, zwei, eins, 90° Nord und geografischer Nordpol. Das Flugzeug vollführt zwei Weltumrundungen, zuerst von Ost nach West und dann von West nach Ost. Es bildet (nebst dem Südpol) die kürzestmögliche Umrundung, bei der alle 360 Längengrade überflogen werden. Es wird angestossen und der Champagner genossen. Man sieht gut das mit Wasserstrassen versetze Packeis; jetzt ist ja auch in der Arktis Hochsommer.

 

Bildschirmanzeige im Flugzeug

 

 geografischer Nordpol mit Horizont (Erdkrümmung ist leicht sichtbar) aus 2000 m Flughöhe

 

Das Flugzeug kehrt auf die übliche Flughöhe und Reisegeschwindigkeit zurück, der Rückweg beginnt. Nochmals überfliegen wir Spitzbergen bei gutem Wetter, diesmal aber auf einer Höhe von etwa 10000 m. Es ist Zeit für das warme Essen. Der Pilot meldet sich als wir die Bäreninsel erreichen. Die norwegische Bäreninsel liegt einsam zwischen Spitzbergen und dem Nordkap. Der Pilot erklärt uns, dass die Bäreninsel im Schnitt 360 Tage im Jahr unter Wolken liegt, aber heute kann man dank dem guten Wetter einen Teil der Insel sehen. Als sich der Pilot nochmals meldet, kann man die norwegische Hauptstadt Oslo mit seinem Fjord wegen fehlender Wolken in seiner Gesamtheit gut anschauen.

Da Düsseldorf naht, bleibt keine Zeit mehr übrig den geplanten dritten Kurzvortrag von Herrn A. Soucek durchzuführen. Nach genau 12 Stunden Flug landen wir um 18.12 Uhr wieder auf dem Flughafen Düsseldorf. Pilot und Crew bedanken sich und wünschen uns alles Gute. Man spürt, dass dies für sie kein gewöhnlicher Arbeitstag war und kein gewöhnlicher Flug darstellte. Von den Behörden erhalten wir die Erlaubnis, beim Flugzeug auf dem Flughafengelände Gruppenfotos zu knipsen. Es war sicherlich ein ganz spezieller Flug und ein unvergessliches Erlebnis.

Gruppenfoto vor dem Flugzeug

 

Zu Hause konnte man dann die Reportagen der Fernsehteams am Bildschirm anschauen. Im ZDF erschien im ZDF-Wochenjournal ein dreiminütiger Bericht. Der Fernsehsender RTL zeigte im Magazin RTL-Explosiv einen fünfminütigen (Boulevardmässigen) Beitrag. Auch in den Printmedien und im Internet gab es zu diesem Flug verschiedene Berichte.

Pascal Kaufmann / August 2008

Copyright AGL 2008, Luzern, 09. September 2008